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Allergologenverbände
mahnen:
Erdnuss-Allergie
bei Kindern sehr ernst nehmen
Der
15-jährige Oliver W. kam von einem Besuch bei Freunden nach
Hause und klagte über Unwohlsein. Seine Mutter dachte an die
bei ihrem Sohn vor einigen Jahren festgestellte
Erdnussallergie und fragte ihn, ob er Erdnüsse gegessen habe.
„Nur ein paar Erdnussflips“, war die Antwort. Die Mutter
machte sich mit ihrem Sohn unverzüglich auf den Weg in das
nur wenige Fahrminuten entfernt liegende nächste Krankenhaus.
Oliver erreichte die Klinik nicht mehr lebend und konnte auch
im Krankenhaus nicht wiederbelebt werden. Er war während der
kurzen Autofahrt an einem Allergieschock (Anaphylaxie)
gestorben.
Ein
anaphylaktischer Schock entsteht bei Kindern am häufigsten
durch Nahrungsmittel. Das zeigte eine Auswertung der Daten des
Anaphylaxie-Registers für Deutschland (www.anaphylaxie.net).
Besonders gefährlich sind Allergien gegen Erdnüsse. Schon
winzige Verunreinigungen von zwei Milligramm können eine
allergische Reaktion in Gang setzen, die im schlimmsten Fall tödlich
endet. „Eine Sensibilisierung gegen Erdnuss-Allergene lässt
sich in Deutschland inzwischen bei jedem zehnten Kind
feststellen“ sagt der Aachener Kinder- und Jugendarzt und
Allergologe Dr. Frank Friedrichs von der Gesellschaft für Pädiatrische
Allergologie und Umweltmedizin (GPA). Weil Bestandteile der
Erdnuss in die Muttermilch übergehen, können schon Säuglinge
eine Überempfindlichkeit entwickeln. Die
Erdnuss-Sensibilisierung führt oftmals lebenslang zu Beeinträchtigungen.
„Sowohl bei einer aktuellen, aber auch bei einer früher
festgestellten Erdnussallergie müssen die Patienten grundsätzlich
auf den Konsum von Erdnuss-Produkten verzichten“, rät
Professor Dr. Thomas Fuchs vom Ärzteverband Deutscher
Allergologen (ÄDA). Abgesehen von der Meidung aller
erdnusshaltigen Lebensmittel gibt es für die Betroffenen
keine Möglichkeit, einer lebensbedrohlichen Schockreaktion
vorzubeugen.1
Die
potenziell lebensbedrohliche, nicht therapier- oder heilbare
Allergie auf Erdnüsse mindert erheblich die Lebensqualität
betroffener Kinder und Jugendlicher. In einer Studie mit Neun-
bis Zehnjährigen wurde für Kinder mit Erdnuss-Allergie eine
schlechtere Lebensqualität als für Kinder mit erblicher
Zuckerkrankheit (Diabetes Typ 1) festgestellt.2
„Die Angst vor versehentlichem Verzehr von Allergie auslösenden
Nahrungsmitteln begleitet diese Kinder in der Schule und in
der Freizeit“, so Kinderallergologe Friedrichs. Er
kritisiert, dass die Anaphylaxiegefahr bei Kindern unterschätzt
oder gar herabgespielt wird: „Selbsthilfegruppen in den USA,
England, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland
versuchen mühsam, der Öffentlichkeit klar zu machen, dass
ein kleines Stück Kuchen ein Kind mit Nussallergie gefährden
kann. Doch sogar in der medizinischen Fachpresse erscheinen
Artikel, die diese Bemühungen als Hysterie bezeichnen.
Allergiekranke Kinder erfahren in Deutschland bisher bei
weitem nicht die ihnen zustehende Aufmerksamkeit.“
Eine
anaphylaktische Reaktion setzt sehr plötzlich ein und kann
innerhalb kurzer Zeit vom Schweregrad 1 (Hautsymptome) zum
Grad 4 (Atem- oder Herzstillstand) übergehen.3
„Daher ist bereits bei leichten Symptomen höchste Vorsicht
angezeigt!“ warnt Professor Dr. Dr. Johannes Ring von der
Haut- und Allergieklinik Biederstein der TU München. „Vor
allem Erdnüsse haben ein extrem hohes allergenes Potenzial.
Der Körper entwickelt sehr häufig und sehr rasch eine Überempfindlichkeit,
und das Immunsystem reagiert auf Erdnüsse oft besonders
heftig.“ Der Münchener Allergologe bemängelt, dass nur
etwa ein Drittel der betroffenen Kinder mit Medikamenten für
den Notfall ausgestattet sind.
Der
Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA), die Deutsche
Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI)
und die Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und
Umweltmedizin (GPA) appellieren gemeinsam an medizinische
Kollegen und die Bevölkerung, Allergien bei Kindern sehr
ernst zu nehmen und eine umfassende medizinische Versorgung zu
gewährleisten. „Die Bagatellisierung muss gestoppt
werden!“ fordert der Erste Vorsitzender der GPA, Professor
Dr. Albrecht Bufe aus Bochum.
1
Buhl T, Kampmann H, Fuchs T: Tod durch Erdnussallergie
nach Konsum eines einzelnverpackten Müsliriegels,
gesetzeskonform ohne Deklaration der Inhaltsstoffe. Allergo J
2006;15:572-574.
2
Avery
NJ, King
RM, Knight
S, Hourihane
JO: Assessment of quality of life in children with
peanut allergy. Pediatr
Allergy Immunol. 2003 Oct;14(5):378-82.
3
Ring J, Brockow K für die AG Anaphylaxie: Notfälle in
der Allergologie: Akuttherapie der Anaphylaxie. Allergologie
2008;31(2):71-76.
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