Insektengift-Allergie
unbedingt fachärztlich behandeln lassen
Wespen
und Bienen machen Allergikern das Leben schwer
Der
34-jährige Thomas war frisch verheiratet und erwartete
mit seiner jungen Frau das erste Kind, als er vor drei
Jahren zu Hause von einer Wespe gestochen wurde. Innerhalb
von Minuten verlor er das Bewusstsein: Thomas reagierte
stark allergisch auf das Wespengift. Seine Frau rief
sofort den Rettungswagen. Der Notarzt traf 15 Minuten nach
dem Insektenstich ein und reanimierte den Bewusstlosen. Zu
dem Zeitpunkt war das Gehirn von Thomas jedoch schon so
geschädigt, dass bleibende, sehr schwere körperliche und
geistige Behinderungen zurückblieben. „Viele Menschen,
die so einen schweren allergischen Schock erleiden,
sterben. Doch auch dieser Fall hat uns sehr betroffen
gemacht“, berichtet Privatdozentin Dr. Franziska Ruëff
von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und
Klinische Immunologie (DGAKI). „Seine Frau bekam ihr
Kind allein, während ihr Mann noch in der Reha war. Ein
normales Eheleben war nie mehr möglich. Der Mann war
durch die Hirnschädigungen ein völlig anderer Mensch
geworden. Ich möchte dringend an alle Menschen mit einer
Insektengift-Allergie appellieren, diese im schlimmsten
Fall tödliche Krankheit mit einer spezifischen
Immuntherapie behandeln zu lassen“, sagt die an der
Hautklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München
tätige Allergologin.
Die
Ursache der Insektengift-Allergie ist eine Überempfindlichkeit
des Immunsystems auf das Gift von Bienen oder Wespen. Als
Mastzellen bezeichnete Immunzellen der Erkrankten setzen
nach einem Stich Botenstoffe frei, die innerhalb von
Sekunden bis Minuten zu ersten Symptomen wie Juckreiz an
Handflächen oder Fußsohlen führen können. Weitere
Alarmsignale für einen allergischen (anaphylaktischen)
Schock sind großflächige, juckende Schwellungen und Rötungen
der Haut, Schweißausbrüche, Schwindel, Übelkeit,
Herzjagen und Atemnot. Ein Allergieschock kann mit raschem
Blutdruckabfall und Bewusstlosigkeit einhergehen und ohne
sofortige ärztliche Behandlung tödlich enden. Daher müssen
Betroffene stets Notfallmedikamente bei sich tragen.
„Oftmals sind die Allergiker aber sehr unsicher, wann
genau und wie sie die für den Notfall verordneten
Medikamente verwenden sollen. Sie müssen sie sich die
Anwendung von ihrem allergologisch ausgebildeten Arzt erklären
lassen, wenn nötig auch wiederholt“, rät die
Allergie-Expertin Ruëff. Insektengift-Allergiker sollten
sich bei Verdacht auf eine Schockreaktion hinlegen und
sofort einen Notarzt rufen.
Immuntherapie
heilt Insektengift-Allergie fast immer
„Die
Gefahr eines Allergieschocks durch Insektengift besteht
bei drei Prozent der Bevölkerung, das sind 2,4 Millionen
Menschen in Deutschland“, berichtet Professor Dr.
Bernhard Przybilla von der Hautklinik der
Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er leitet außerdem
die Arbeitsgruppe Insektengift-Allergie der Deutschen
Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI).
„Besonders gefährdet, an einem Allergieschock zu
sterben, sind Menschen mit Mastozytose.“ Bei diesen
Patienten sind die Mastzellen krankhaft vermehrt und das
Enzym Tryptase ist vermehrt im Blut zu finden. An der Haut
können bräunliche Flecken auftreten, die Muttermalen ähneln.
Mastozytose-Kranke mit einer Allergie auf Insektengift
reagieren nach einem Insektenstich mit besonders heftigen
Symptomen.
Franziska
Ruëff kritisiert, dass viel zu wenige
Insektengift-Allergiker eine spezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung)
erhalten. „Mit einer fachärztlich durchgeführten
Immuntherapie kann praktisch jeder Patient geheilt
werden“, betont die Allergologin. Die Patienten erhalten
bei dieser Therapie über einen Zeitraum von drei bis fünf
Jahren Insektengiftallergene in den Oberarm injiziert.
Anfangs erfolgen die Injektionen zur Dosissteigerung in
kurzen Abständen, später reicht alle vier bis sechs
Wochen eine Spritze. Das macht das Immunsystem langfristig
unempfindlich. „Leider stellen wir in unserer Klinik
fest, dass etwa 90 Prozent der Menschen, die bereits
einmal eine lebensbedrohliche allergische Reaktion
aufgrund eines Insektenstichs erlitten haben, keine
ausreichende Diagnose, keine ausreichende Therapie und
keine Schulung erhalten“, bedauert Ruëff.
„Eine
spezifische Immuntherapie schützt vor der gefährlichen
Sofortreaktion des Körpers“, sagt auch Professor
Albrecht Bufe, Vorsitzender der Gesellschaft für Pädiatrische
Allergologie und Umweltmedizin (GPA) aus Bochum. „Kinder
können bereits ab dem sechsten Lebensjahr, wenn nötig
auch früher, mit einer Immuntherapie behandelt werden.“
„Da
nahezu jeder Patient mit Insektengift-Allergie durch eine
korrekt ausgeführte spezifische Immuntherapie sicher
geschützt werden kann, ist es unbegreiflich, dass
derzeitig weniger als zehn Prozent der
Insektengift-Allergiker und nicht einmal alle
Mastozytose-Kranken hyposensibilisiert werden“, bedauert
Przybilla „Angesichts der fast 100-prozentigen
Wirksamkeit bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung ist
das ein katastrophaler Prozentsatz!“